13.05.2010

Bernhard Hösch gab die Fragen aus dem Publikum an Bernd Dieng und Ottmar Rupp weiter.
Weitere Bilder in der Galerie

Bernhard Hösch gab die Fragen aus dem Publikum an Bernd Dieng und Ottmar Rupp weiter. Weitere Bilder in der Galerie

Vortrag zur Schulentwicklung

Beitrag zum Vortrag zur Schulentwicklung aus der Schwäbischen Zeitung

Experten: Länger gemeinsam lernen tut Kindern gut

Es gibt nur einen Weg, wie Kinder von der Schule fit gemacht werden können fürs Leben: „Länger gemeinsam lernen“. Dies jedenfalls ist die Überzeugung von Bernd Dieng und Ottmar Rupp, Vorstandsmitglieder des gleichnamigen Vereins „Länger gemeinsam Lernen“ in Baden-Württemberg. Auf Einladung der Unabhängigen offenen Liste (UoL) referierten die beiden am Montagabend im Leutkircher Bocksaal – in dem viele Plätze unbesetzt blieben.
Seit Jahren engagieren sich Bernd Dieng, Fachleiter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Meckenbeuren, und Ottmar Rupp, Lehrer an der Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule in Waldburg, für ihr Herzensanliegen: eine längere Zeit gemeinsamen Lernens für alle Schüler. Sie reisten dazu nach Schweden, Finnland und Norwegen, besuchten Modellschulen in Südtirol und der Schweiz, in Liechtenstein und Schleswig-Holstein – und sehen sich mehr denn je in ihrer Ansicht bestätigt: Das dreigliedrige Schulsystem, „wie wir es weltweit als einzige so betreiben“, hat ausgedient. Fernziel müsse stattdessen eine wohnortnahe Ganztagsschule sein, in der alle Kinder und Jugendlichen bis zum Ende der Pflichtschulzeit, möglichst bis zur zehnten Klasse, gemeinsam lernen.
Dass es ein Irrweg sei, Kinder hierzulande bereits nach der vierten Klasse zu trennen und auf die verschiedenen weiterführenden Schulen zu verteilen, wollten Dieng und Rupp unter anderem anhand einer Untersuchung an Förderschulen beweisen: Statt der erhofften Fördereffekte und Gewinne für die Schüler seien die Leistungen und Intelligenzwerte dort zunehmend schlechter geworden. Fazit der beiden Pädagogen: „Je mehr wir aussondern und separieren, desto schlechter werden die Leistungen.“ Ihre Hauptkritik am gegliederten Schulsystem hierzulande ist freilich diese: „Der Schulerfolg ist in keinem anderen Land in Europa so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland.“
Beispielhaft dagegen die „skandinavische Schulphilosophie“, finden die Reformbefürworter: Dort, vor allem in Schweden, werde die „sozialintegrative Komponente“ stark gewichtet. Wenige grundlegende Standards sicherten den Erfolg, sagten Rupp und Dieng und nannten als Stichworte: Alle bleiben zusammen, niemand bleibt sitzen, niemand wird beschämt, auf den Anfang kommt es an – die besten Lehrer unterrichten die ersten Klassen, die höchsten Investitionen gelten den kleinen Menschen. „Alles Schritte, die auch in Baden-Württemberg gehbar wären“, geben die Pädagogen zu bedenken.
Fest steht für sie: „Wir können und dürfen uns das dreigliedrige Schulsystem nicht mehr leisten.“ Deshalb sei jetzt der Aufbruch nötig: „Weg vom derzeitigen selektiven Schulsystem hin zu einem integrativen/inklusiven Schulsystem, in dem Kinder und Jugendliche, wie auch in anderen Staaten üblich, gemeinsam, miteinander und voneinander lernen und dabei individuell gefördert werden.“
Dass sich diese grundlegende Strukturreform der Schule nur mit Umdenken und einer Vielzahl einzelner Veränderungen verwirklichen ließe, machte die anschließende Diskussion deutlich. Lehrer müssten grundlegend anders ausgebildet werden und ihren Arbeitsplatz zwingend an die Schule verlagern, Modellschulen seien gerade mit Blick auf die kommende Landtagswahl vorstellbar, die Zusammenarbeit mit den Eltern müsse intensiviert werden. Zuhörern, die Zweifel an den Plänen und Sorgen über eine „Institutionalisierung der Erziehung“ äußern, empfehlen Rupp und Dieng: „Fahren Sie dorthin, wo es schon gemacht wird – zur Bodenseeschule in Friedrichshafen, nach Wiesbaden an die Helene-Lange-Schule, nach Alterswilen im Thurgau oder nach Schleswig-Holstein.“
„Die Stadt Leutkirch als große Flächengemeinde mit acht Ortschaften muss sich mit dem Thema befassen“, machte Bernhard Hösch, Fraktionssprecher der UoL im Gemeinderat, abschießend klar. Bekanntlich soll ein Konzept erarbeitet werden, für das sich die Schullenkungsgruppe bereits Gedanken über schulische Qualität und Quantität macht.

Von der Redakteurin Sabine Centner